Saison 1933/34

Liga: Bezirksklasse Lausitz

 

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten erfolgte eine beispiellose Gleichschaltungs- bzw. Verbotswelle gegen Vereine, Institutionen und Verbandsstrukturen. So wurde u.a. der Arbeitersport komplett zerschlagen und nur der Deutsche Fußball Bund (DFB) als Verband sowie Vereine der Turnerschaft und der katholischen Kirche (DJK) durften zunächst noch unter dem Dach des "Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen" (DRA) weiteragieren. Aber auch dem DRA war sein Ende beschienen. Am 5. Mai 1933 löste sich dieser Dachverband auf Druck der Nazis auf und machte damit den Weg frei für eine neue nationalsozialistische Organisationsstruktur im Sport, die sich zunächst in 15 Fachämter widerspiegelte, ehe sich diese Fachämter am 9. März 1934 zum "Deutschen Reichsbund für Leibesübungen" (DLR) zusammenschlossen. Als Vorsitzender des DLR wurde der SA-Gruppenführer Hans von Tschammer und Osten eingesetzt, der dann ab dem 19. Juli 1933 zum Reichssportführer ernannt wurde. Trotz aller Schwüre und Unterwerfungen den neuen Machthabern gegenüber (z.B. die reichsweite Einführung des Hitlergrußes vor Spielbeginn ab dem 7. August 1933) zog das Gleichschaltungsgesetz vom 31. März 1933 dem DFB schlichtweg den Teppich unter den Füßen weg. Aufgrund dessen fand am 9. Juli in Berlin ein außerordentlicher Bundestag des DFB statt, bei dem der Vorsitzende Felix Linnemann beauftragt wurde, alle Maßnahmen durchzuführen, um den DFB an die neuen Strukturen anzupassen. Damit war auch das vorübergehende Ende des DFB besiegelt, der zwar auf dem Papier formal noch bis 1940 weiterexistierte, aber in der Praxis keinen Wirkungseinfluss mehr besaß. Aber was bedeuteten nun diese Umstrukturierungen konkret? Die dem DFB untergeordneten Regionalverbände verschwanden, an ihre Stelle wurden die Vereine nun den territorial neu gegründeten Gauen zugeordnet. Das hatte zur Folge, dass große Teile der Region Lausitz, bis dahin zum "Südostdeutschen Fußballverband" gehörend, nun in den Gau Berlin-Brandenburg eingegliedert wurden. Der Kreis Hoyerswerda kam dagegen zum Gau Sachsen. Die Organisationsstruktur sah jeweils eine eingleisige Gauliga vor, deren Unterbau die Bezirksklassen bildeten, während die einzelnen Kreise ihre Ligen in Kreisklassen aufteilten. Für den Gau Berlin-Brandenburg bedeutete dies in der Folgezeit eine sehr berlinlastige Gauliga, die nur ab und zu von einem "Provinzverein" vervollständigt wurde. Darunter wurden die Unterbezirke Potsdam/Berlin (I) und Frankfurt (Oder)/Lausitz (II) geschaffen, die jeweils eigene Bezirksklassen bildeten. Den Unterbezirk II gliederte man für die Saison 1933/34 in die Bezirksklassen Frankfurt/Oder und Lausitz auf. Aufgrund des starken zweiten Platzes in der Gau-A-Klasse Senftenberg der Vorsaison stieg der FC Alemannia Großräschen quasi nachträglich noch auf, wurde in die Bezirksklasse Lausitz eingereiht und konnte nun seine Kräfte mit den starken Vereinen aus Cottbus und Forst messen. Dazu aber später mehr. Zunächst stand noch die Frage im Raum, was man mit den vielen Fußballern aus dem Arbeitersport machen sollte? Denn da waren teilweise richtig gute Kicker bei, auf die die gestandenen bürgerlichen Vereine natürlich mehr als scharf waren. In fast jedem größeren Ort gab es nämlich sowohl einen DFB- als auch einen Arbeitersportverein. In Großräschen waren das bekanntlich Alemannia (DFB) und Vorwärts (ATSB), in Annahütte SVgg 1924 (DFB) und "Sturm" (ATSB), in Zschipkau BV (DFB) und Askania (ATSB), in Neupetershain Corona (DFB) und Vorwärts (ATSB) und in Marga der SV (DFB) sowie "Sturm" (ATSB). Diese Liste könnte man noch beliebig weiterführen. Laut einer DFB-Empfehlung sollten keine Vereine aus dem Arbeitersport in den DFB-Spielbetrieb aufgenommen werden. Dies wurde in der Niederlausitz auch größtenteils so umgesetzt. Nur wenige Vereine blieben in ihrer Existenz bestehen, benannten sich aber später um (z.B. SV Vorwärts Petershain in SV 1919 Petershein oder die TuSVgg Harmonie Senftenberg 2 in SC Senftenberg 2). Zumeist kam es zu innerörtlichen Vereinsübertritten. Zwar galt auch hier offiziell eine Richtlinie die besagte, dass der neu in den Verein eintretende Spieler ein entsprechendes Erklärungsformular (Bekenntnis zum Nationalsozialismus) ausfüllen- und zwei Bürgen, die schon vor dem 1. Januar 1933 einer NS-Organsiation angehörten, vorweisen müsste, aber offensichtlich nahm man diese Richtlinie zumindest "auf dem Lande" nicht all zu genau, denn wer nicht gerade politisch im extremen Kontra zu den neuen Machthabern stand, konnte relativ problemlos in den bürgerlichen Verein überwechseln. Dies beweist auch die große Anzahl an neuen, teilnehmenden Mannschaften am Spielbetrieb 1933/34. So trat der FC Alemannia Großräschen gleich mit 5 Mannschaften zu den Meisterschaften an, der VfB Senftenberg 1910 brachte es sogar auf 7! Für die Spielerwechsel in Großräschen sollen hier stellvertretend die Spieler Rumstich und Jannaschk genannt werden, die es im Arbeitersport beim SC Vorwärts Großräschen sogar zu Auswahlehren geschafft hatten. Beide wirkten beispielsweise in einer Lausitzer Kreisauswahl bei einem Spiel in Dresden gegen eine Sachsenauswahl mit. Rumstich wurde zudem auch noch einmal gegen die Olympiaauswahl Polens (2:3 in Annahütte vor 2000 Zuschauern) berufen und zählte dort zu den Besten. Da Vorwärts Großräschen in den Jahren bis zum Verbot der Arbeitersportbewegung auch zu den fußballerischen Schwergewichten in der Lausitz zählte (u.a. Bezirksmeister in der Saison 1930/31), bekam der FC Alemannia Großräschen demnach also viel sportliche Qualität hinzu und profitierte in dieser Hinsicht zugegebenermaßen vom politischen Machtwechsel. Dies traf, nebenbei erwähnt, auch ganz klar auf den Fußball in Marga zu, denn die stärkste Mannschaft der Lausitz im Arbeiterfußball zu jener Wendezeit war unumstritten "Sturm" Marga, die nach dem Verbot fast vollständig zum bürgerlichen SV Marga überwechselten und diesen Verein alsbald in die Beletage des Lausitzer Fußballs führen sollten.

Der FC Alemannia Großräschen nun also überregional! Aber wie kam es nun zu der Zusammensetzung der neuen Bezirksklasse? Aus der Bezirksliga Niederlausitz der Vorsaison blieben nur noch der FV Brandenburg 1899 Cottbus, der FC Askania 1901 Forst und der SC Wacker 09 Ströbitz übrig. Da in Cottbus und Forst Pläne zur Bildung von Großvereinen gegen jeden Widerstand durch die lokalen Nazigrößen durchgesetzt wurden, (zwangs)fusionierten in der Sommerpause 1933 der Niederlausitzer Meister Cottbuser FV 1898 und der Cottbuser SC Friesen zum FV Cottbus-Süd und wurde als Lausitzer Vertreter in die neugeschaffene Gauliga Berlin-Brandenburg eingegliedert. Die Vereine FV Brandenburg 1899 Cottbus und SC Viktoria 1897 Cottbus sowie der SC Union 1905 Cottbus und der SC Wacker 09 Ströbitz bildeten zunächst Spielgemeinschaften, die aber nur wenige Wochen hielten und dann nach internen Streitigkeiten wieder zerbrachen. Ähnlich sah es in Forst aus. Hier schlossen sich Deutschland und Amicitia Forst sowie Viktoria und Fortuna Forst zu Spielgemeinschaften zusammen. Zum eigentlichen Zusammenschluss kam es jedoch nur bei Viktoria und Fortuna, die ab dem 25. März 1934 unter dem Namen FC 1901 Forst weiterspielten. Die restlichen beiden verbliebenen Bezirksligisten wechselten die Spielklasse bzw. das Zuständigkeitsgebiet. Der SV Hoyerswerda 1919 wurde in den Spielbetrieb des Gaues Sachsen integriert, der 1. FC Guben wechselte in die Bezirksklasse Frankfurt/Oder. Aus der Gau-A-Klasse Senftenberg rückten neben dem FC Alemannia Großräschen auch noch der Meister VfB Klettwitz 1913 sowie der VfB Senftenberg 1910 zur Bezirksklasse auf. Komplettiert wurde das Teilnehmerfeld durch die SpVgg Calau und die SpVgg Finsterwalde. Auf welchem Wege die beiden letztgenannten Vereine den Sprung in das Oberhaus schafften, bleibt aufgrund der fehlenden Unterlagen für das Jahr 1933 ("Senftenberger Anzeiger") noch unklar.

Gegen diese namhafte Konkurrenz und unter den weiter oben geschilderten Umständen startete der FC Alemannia Großräschen nun in das große unbekannte Abenteuer Bezirksklasse. Bis zum Jahresende 1933 zeigte man wohl noch etwas Nerven und ließ auch einige unnötige Punkte liegen, so dass nach dem 10. Spieltag ein Platz im unteren Mittelfeld zu Buche stand. Zu diesem Zeitpunkt hätte keiner im Großräschener Lager zu träumen gewagt, welch dramatischer Saisonverlauf noch folgen sollte. Nach einem Spielausfall gegen Wacker Ströbitz empfing Alemannia eine Woche später am 12. Spieltag den bis dahin führenden Spitzenreiter SpG Viktoria/Fortuna Forst. Vor 600 begeisterten Zuschauern besiegten die Hausherren den großen Favoriten mit 6:5 und starteten damit eine grandiose Siegesserie. In den nächsten Wochen wurden die SpVgg Calau (4:0), Brandenburg Cottbus (3:2), VfB Klettwitz (2:0 vor 1500 Zuschauern!) und die SpVgg Finsterwalde (4:1) geschlagen vom Feld geschickt und sich auf den 5. Platz vorgekämpft. Zwar gab es danach im Nachholespiel bei Wacker Ströbitz eine 1:2-Niederlage, jedoch sorgten die Erfolge in den beiden darauffolgenden Partien beim VfB Senftenberg (9:1!!!) und bei der SpG Deutschland/Amicitia Forst (3:2) für eine weitere Verbesserung der Tabellensituation. Die Konstellation vor dem letzten Spieltag hätte spannender nicht sein können. Der FC 1901 Forst und der FC Alemannia Großräschen standen mit 11 Minuspunkten an der Tabellenspitze, allerdings hatte Alemannia ein Spiel weniger ausgetragen. Und auch der VfB Klettwitz und Askania Forst rechneten sich bei 12 Minuspunkten noch Chancen auf die Meisterschaft aus. Der Ansetzer hätte die Dramaturgie nicht spannender gestalten können, denn genau an diesem alles entscheidenden Spieltag trafen diese vier Konkurrenten aufeinander. Großräschen musste bei Askania Forst ran, der FC 1901 Forst erwartete den VfB Klettwitz. Vor 700 Zuschauern führte Alemannia bereits mit 3:1, kassierte dann jedoch zwei Handelfmeter gegen sich, in Folge dessen die Platzbesitzer zum 3:3-Ausgleich kamen. Die Gäste gaben aber nicht auf und in der letzten Minute zeigte der Unparteiische erneut auf den Punkt. Diesmal Handelfmeter für den FCA. Jochmann, der erst kurz zuvor von den Sportfreunden Seiffersdorf nach Großräschen gewechselt war und bereits im Sommer zum VfB Klettwitz weiterzog, versagten jedoch die Nerven und es blieb nach 90 Minuten beim 3:3-Unentschieden. Nun schaute alles gebannt zum Forster Stadtnachbarn FC 1901. Große Erleichterung, als die Kunde vom ebenfalls 3:3-Remis gegen Klettwitz eintraf. Somit waren Askania Forst und der VfB Klettwitz aus dem Rennen um die Meisterschaft ausgeschieden und nur der FC Alemannia Großräschen hatte noch die Chance, den FC 1901 Forst vom Thron zu stoßen. Um dies zu schaffen, musste im letzten Meisterschaftsspiel ein hoher Sieg gegen Wacker Ströbitz her, um durch das bessere Torverhältnis doch noch Platz 1 zu erobern. 1700 erwartungsvolle Zuschauer strömten am 29. April 1934 auf den Alemannen-Platz, um das mögliche Fußballwunder live zu erleben. Aber wie meist bei solch wichtigen Partien spielten die Nerven bei den Gastgebern nicht richtig mit. Mit einer eher bescheidenen Leistung gewann man zwar mit 3:1, es fehlte jedoch genau ein Treffer, um im Torverhältnis die Nase vorn zu haben. So kam es zu der seltenen Konstellation, dass sowohl der FC 1901 Forst als auch der FC Alemannia Großräschen dasselbe Punkt- sowie Torverhältnis (damals im Divisionsverfahren ermittelt, beide lagen bei 1,5) hatten. Das hieß nach den damaligen Regularien Entscheidungsspiel. Dieses fand dann zu Himmelfahrt am 10. Mai 1934 in Guben statt und wurde zu einer eindeutigen Sache für den Favoriten. Mit 4:1 setzte sich der FC 1901 Forst schlussendlich verdient durch und wurde somit inoffizieller Lausitzer Fußballmeister. Er scheiterte dann allerdings in den Aufstiegsspielen zur Gauliga am Meister der Bezirksklasse Frankfurt/Oder, dem 1. FC Guben (0:3, 4:1 und 2:4), und verblieb somit in der Bezirksklasse Lausitz.

In der 1. Kreisklasse Senftenberg wurde der SV Marga mit den starken Neuzugängen aus dem Arbeitersport (siehe weiter oben) mit 7 Punkten Vorsprung auf den FC Ilse 1930 souveräner Meister und stieg als Senftenberger Vertreter zur Bezirksklasse auf.

Wie zu dieser Zeit üblich, absolvierte der FC Alemannia Großräschen zum Abschluss der Saison noch einige Gesellschaftsspiele. Beim Sportfest der DJK Großräschen besiegte man die DJK Wittichenau mit 4:0, gewann auch in Calau (3:1) und beim Ortsnachbarn FC Ilse 1930 (3:0) und patzte beim Heimspiel gegen die SpuSVgg Döbern (2:5). Mit einer letzten Partie vor dem Sommerspielverbot am 01.07.1934 gegen den Großenhainer FV (Ergebnis leider unbekannt) verabschiedete sich der FC Alemannia Großräschen von seinen treuen Fans mit dem guten Gefühl, die bisher erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte absolviert zu haben.

 

 

Trainer: /

 

Spiele:

Daten aus dem Jahr 1933 liegen leider noch nicht vor!

07.01.34 MS VfB Klettwitz 1913 - Alemannia 6:4
14.01.34 MS Alemannia - SC Wacker 09 Ströbitz ausgef.
28.01.34 MS Alemannia - SpG Viktoria/Fortuna Forst 6:5
11.02.34 MS Alemannia - SpVgg Calau 4:0
18.02.34 MS FV Brandenburg 1899 Cottbus - Alemannia 2:3
25.02.34 MS Alemannia - VfB Klettwitz 1913 2:0
04.03.34 MS Alemannia - SpVgg Finsterwalde 4:1
11.03.34 MS SC Wacker 09 Ströbitz - Alemannia 2:1
18.03.34 MS VfB Senftenberg 1910 - Alemannia 1:9
30.03.34 TS

Alemannia - FC Ilse 1930

(Benefizspiel)

2:0
02.04.34 TS Alemannia - Polizei-SV Berlin 2:3
08.04.34 MS SpG Deutschland/Amicitia Forst - Alemannia 2:3
22.04.34 MS FC Askania 1901 Forst - Alemannia 3:3
29.04.34 MS Alemannia - SC Wacker 09 Ströbitz 3:1
10.05.34 ES

FC 1901 Forst - Alemannia

(in Guben)

4:1
13.05.34 TS

Alemannia - DJK Wittichenau

(Sportfest der DJK Großräschen)

4:0
27.05.34 TS Alemannia - SpuSVgg Döbern 2:5
03.06.34 TS SpVgg Calau - Alemannia 1:3
16.06.34 TS FC Ilse 1930 - Alemannia 0:3
01.07.34 TS Alemannia - Großenhainer FV 1897  

 

Abschlusstabelle:

Pl. Mannschaften                                      Sp Tore Punkte
01. FC 1901 Forst                             18 66:44 24:12
  FC Alemannia Großräschen 18 60:40 24:12
03. VfB Klettwitz 1913 18 53:38 23:13
04. FC Askania 1901 Forst 18 48:39 23:13
05. VfB Senftenberg 1910 18 42:46 22:14
06. SpG Deutschland/Amicitia Forst 18 41:23 20:16
07. FV Brandenburg 1899 Cottbus 18 44:28 17:19
08. SC Wacker 09 Ströbitz 18 26:43 12:24
09. SpVgg Calau 18 28:52 10:26
10. SpVgg Finsterwalde 18 29:73 5:31

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Statistiken und Spielberichte

FC Alemannia Großräschen

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